Fazit Rosenheimer Fenstertage

Zukunft meistern

Rosenheim. Angesichts der grundlegenden Änderungen, die unter dem Stichwort „Digitale Disruption“ auf die Branche zukommen, war das Motto „Zukunft meistern“ treffend gewählt. Die Digitalisierung entwickelt in allen Lebens- und Arbeitsbereichen eine so große Dynamik, dass jeder Unternehmer seine Geschäftsstrategien anpassen muss. Die Teilnehmer erhielten in 33 Vorträgen eine Vielzahl innovativer und praktisch nutzbarer Informationen, die erstmal „verdaut“ werden müssen.

Fazit Rosenheimer Fenstertage

Institutsleiter Prof. Ulrich Sieberath analysiert in seinem Vortrag „Zukunft meistern“ die wichtigsten Trends für die Fenster und Fassadenbranche. Ift Rosenheim

ift-Institutsleiter Prof. Ulrich Sieberath zeigte in seinem Vortrag „Zukunft meistern – mit Wissen, Kompetenz und Mut den Trends von Digitalisierung, Technologie und gesellschaftlichem Wandel begegnen“ die wichtigen Entwicklungen und Konsequenzen für die Branche. Er machte deutlich, dass Digitalisierung nicht nur Smart Home ist, sondern auch innovative Vertriebswege über das Internet umfasst und grundsätzliche Fragen für den Einsatz von Bauelementen aufwirft, beispielsweise wenn in es in Zukunft Dank intelligenter Car-Sharing-Konzepte weniger Bedarf an Garagen und damit auch Toren gibt. Das Internet der Dinge wird durch die sinkenden Preise für Sensoren, Antriebe und Elektronik bald auch bei Fenstern und Türen Einzug halten sowie neue Lösungen für Wartung, Instandhaltung oder die Baudokumentation ermöglichen. Bereits heute sind beim Isolierglas ein Auslesen der Produktdaten sowie von Informationen zur Dichtheit des Randverbundes möglich, und bei Beschlägen können die Schließzyklen, die Belastung und damit der Verschleiß genau ermittelt werden. Google, Amazon und Co. werden das „Smart Home Rennen“ im privaten Bereich machen, und in der Gebäudetechnik ermöglicht die KNX-Schnittstelle die einfache Anbindung an die Gebäudesteuerung. Deshalb sollten sich Hersteller auf die Automation und Steuerung ihrer Produkte konzentrieren und weniger auf übergeordnete Regelsysteme. Damit Verarbeiter diese Technik einfach nutzen können, forderte Sieberath die Hersteller auf, Lösungen zu entwickeln, die „Smart Home Ready“ und so einfach anzuschließen sind wie ein PC-Drucker via USB-Schnittstelle.

Auch der Klimawandel macht keine Pause, denn Wetterextreme mit Hitze- und Kälteperioden, Starkregen und Orkanen nehmen zu und können jeden Fleck dieser Erde treffen. Mieter wie Immobilienbesitzer fragen deshalb immer häufiger nach „katastrophensicheren“ Fenstern, Gläsern und Türen. In vielen Städten dieser Welt steigt die Luftverschmutzung, und Menschen fragen nach luftdichten Fenstern nicht aus energetischen Gründen, sondern damit die gereinigte Luft im Gebäude sauber bleibt. International findet die Bauentwicklung in den Ballungsräumen statt. Damit bekommen eine ausreichende Tageslichtversorgung in dauerhaft beschatteten Gebäuden sowie der Brandschutz bei geringen baulichen Abstandsflächen eine große Bedeutung.

Ein weiteres Plenums-Highlight bot das „Vortragstrio“ zur Elbphilharmonie, bestehend aus Stefan Goeddertz (Herzog & de Meuron), Karl Lindenmaier, (Josef Gartner GmbH) und Michael Elstner (AGC Interpane). Die drei Referenten nahmen die Teilnehmer mit auf eine spannende Reise an die Elbe. Im Detail wurde durch den Architekten Stefan Goeddertz das Gestaltungskonzept erläutert und im Anschluss erklärt, wie die ambitionierten Anforderungen erfüllt werden konnten.

Die Fassade, die Verglasungen und die Türen sind weltweit einzigartig und ein Zeugnis für High-Tech aus Deutschland. Für die Plaza wurden 275 cm hohe gebogene Drehflügeltüren mit wartungsarmem Kardanantrieb entwickelt. Die Fassade besteht aus einer Isolierverglasung mit Beschichtung und Siebdruck, die in manchen Bereichen auch noch in zwei Ebenen gebogen ist und GFK-Schalen in Form einer Stimmgabel enthält. Zudem mussten auch komplett neue ovale Fenster mit und ohne Antrieb konstruiert werden, die teilweise auch RWA-Funktionen übernehmen. Auch die Montage der 2.704 Glaselemente war eine echte Herausforderung, denn der eigens entwickelte Schiffskran inkl. Montagepodest konnte bei den obersten Elementen nur bei Flut eingesetzt werden. Die Dokumentation der Elemente mit unterschiedlichsten Spezifikationen ist jeweils in einem RFID-Chip im Randverbund verborgen und kann bei Bedarf ausgelesen werden, falls ein Element ausgetauscht werden muss. Aber die Mühen der über 200 beteiligten Ingenieure haben sich gelohnt, denn die Fassade ist ein „internationales Aushängeschild“ und wirkt bei wechselndem Licht wie eine lebendige „Fischhaut“.

Der Plenumsvortrag des Innovationsmanagers Dr. Jens-Uwe Meyer (Innolytics GmbH) zum Thema „Digitale Disruption“ machte deutlich, dass eine digitale Revolution in Gang ist und sich nicht aufhalten lässt. Digitale Geschäftsmodelle sind oft radikal anders, und Kundenbedürfnisse werden durch die Digitalisierung erst erzeugt. Fitness-Apps, 3D-Drucker oder der Online-Chat mit dem Arzt – das ist die erste Stufe zur digitalen Transformation. Das, was uns in der nächsten Stufe erwartet, ist digitale Disruption. Sie wird Branchen grundlegend erneuern oder überflüssig machen. Menschliche Kompetenzen werden durch Algorithmen ersetzt. Wer die Mechanismen der digitalen Disruption versteht und sich auf die Logik der digitalen Zukunft einstellt, wird diese erfolgreich mitgestalten. Unternehmen müssen ein modernes Innovationsmanagement entwickeln, um mit kreativen Mitarbeitern schnell die verborgenen Kundenwünsche zu erkennen und in Geschäftsmodelle umzuwandeln. Hierfür stellte Dr. Meyer vier wichtige Prinzipien vor:

  1. Das Smartphone ist immer dabei!
  2. Alles was sich über klare Regeln (Gesetze) steuern lässt, machen intelligente Algorithmen und Künstliche Intelligenz (KI) schneller, besser und billiger. Die Großen wie Google, Amazon & Co. können das bisher am besten.
  3. Digitale Kunden wollen alles sofort (Google lässt grüßen), sind unfair, untreu und wechseln per Klick zum besseren Angebot.
  4. Die Vielzahl an verfügbaren Daten (Data Mining) erlaubt treffsichere Prognosen und zusammen mit intelligenten Fertigungsverfahren (3D-Drucker) die individuelle Konfiguration von Produkten (Zielgruppe 1).

Im Nachgang konfrontierte Prof. Christian Niemöller (SMNG) die Zuhörer in seinem Vortrag „Bauen mit Generalunternehmern – Funktionale Leistungsverpflichtung des Fenster-/Fassa­denherstellers?“ mit juristischen Tatsachen. Funktionale Leistungsbeschreibungen gewinnen an Bedeutung, weil Auftraggeber und Generalunternehmer sich immer weniger mit konstruktiven oder architektonischen Details beschäftigen, die Planungskosten reduzieren wollen oder einen Festpreis bevorzugen. Niemöller stellte die Chancen und Risiken vor. Nach Auffassung des BGH übernimmt der Auftragnehmer bei einer funktionalen Leistungsbeschreibung das Leistungsermittlungsrisiko, denn er wird zum Planer der Bauleistung. Damit steigt auch das Risiko der Mangelhaftung, da ihm die wesentliche Planungs- und Ausführungsverantwortung obliegt. Niemöller erklärte aber auch den Gestaltungsspielraum, in dem sich mit geeigneten Konstruktionen und Bauweisen Kosten sparen lassen, oder wie Mehraufwendungen geltend gemacht werden können, beispielsweise, wenn diese auf falschen Angaben des Auftraggebers in der funktionalen Leistungsbeschreibung beruhen. Hier bewährt sich eine detaillierte Leistungsbeschreibung seitens des Auftragnehmers, die durch eine Software mit guten Stammdaten einfach zu erstellen sein sollte.

Welche riesigen Vertriebschancen sich durch eine moderne Website ergeben, erläuterte Dr. Frederik Lehner (Interconnection Consulting) unter dem provokanten Vortragstitel „E-Commerce am Fenstermarkt – Eurograb oder Umsatzmotor?“. Anhand aktueller Marktforschungsergebnisse und Praxisbeispiele wurden für die Zuhörer schnell die richtigen „Hebel“ erkennbar, mit denen sich Onlineumsätze generieren oder steigern lassen. Lehner ließ keinen Zweifel daran, dass Unternehmen ohne Online-Verkaufsstrategien keine Zukunft haben. Denn die meisten Fensterkunden informieren sich schon heute vorab über Produkte und Preise im Internet. Kunden wollen Lösungen und keine Produkte; deshalb muss man wissen, was und wie Kunden suchen. Wer nicht über Google gefunden wird und anschließend sachlich und lösungsorientiert informiert, hat schon heute schlechte Vertriebschancen. Fast alle Zielgruppen tätigen heute mehr oder weniger oft Onlinekäufe und erwarten einen Service wie bei Amazon – das ist die Messlatte für jeden Anbieter. Heute geht das noch individuell über Notebook, Tablet oder Smartphone. Aber bereits morgen wird es heißen „Alexa, schicke mir bitte 5 Angebote für einbruchhemmende Holzfenster in der Abmessung 90 cm x 140 cm. Mit vielen weiteren interessanten Beispielen und Insidertipps spann Lehner den roten Faden der Digitalisierung weiter.

Als weiteres Highlight erwies sich der Themenblock „Adaptive Verglasungen“. Diese bieten gegenüber einem außenliegenden Sonnenschutz bzw. Sonnenschutzverglasungen erhebliche Vorteile, beispielsweise eine einfache und flexible Skalierung des g-Wertes, die Transparenz auch im verschatteten Zustand sowie eine nahezu wartungsfreie Technik und Funktion auch bei starkem Wind. Lukas Niklaus (Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC) vermittelte zunächst die wissenschaftliche Grundlage und gab einen Überblick zu den verfügbaren Technologien für schaltbare Verglasungen. Interessant waren die Informationen und Vergleiche der möglichen g-Werte, Lichttransmissionsgrade, Schaltzyklen und Schaltzeiten, maximalen Abmessungen sowie mögliche Glasaufbauten. Dies ermöglichte den Teilnehmern eine eigenständige Beurteilung und Einschätzung der am Markt verfügbaren Produkte.
Im Anschluss stellte Manfred Dittmar (EControl-Glas) die unterschiedlichen technischen Möglichkeiten und Produkte für dimmbare Verglasungen vor. Anhand von Projektbeispielen wurde deutlich, dass elektrochrome Beschichtungen und Folien marktreif sind und sich bewährt haben. Gerade in schwer zugänglichen Bereichen mit hoher Witterungsbelastung wie bei Schrägverglasungen sind diese Verschattungen bereits heute wirtschaftlich.
Der dritte Vortrag von Dr. Johannes Canisius (Merck KG) zeigte in seinem Vortrag „Schaltbare Flüssigkristallfenster“ einen Blick in die nahe Zukunft. Die LCD-Technik wird heute bereits millionenfach in Displays von Smartphones, PCs oder der Unterhaltungselektronik eingesetzt. Als führender Anbieter von LCD-Technik plant Merck nun den Einsatz im Baubereich, weil jährlich viele Millionen Quadratmeter Fassaden verschattet werden müssen. Auch andere Anbieter aus den USA und China investieren hohe Millionenbeträge in die Entwicklung adaptiver Verglasungen für den Baubereich. Es ist absehbar, dass diese bald auch von den Kosten her wettbewerbsfähig werden und sich deshalb auch bei Verschattungen „disruptive“ Veränderungen abzeichnen.

Dem Megathema Einbruch und Sicherheit widmete sich gleich ein ganzer Themenblock. Christian Kehrer (ift) berichtete über „Entwicklungen bei Normung, Prüfung und Montage“. Auch hier schimmerte die digitale Veränderung durch, denn die Leistungsfähigkeit und der Marktanteil von elektromotorischen Schlössern und Beschlägen nimmt ständig zu. Wie hier die Einbruchhemmung zu bewerten ist, erarbeitet gerade eine Arbeitsgruppe von Experten aus Österreich, der Schweiz und Deutschland. Die Ergebnisse und Bewertungskriterien sollen bis zur Fensterbau Frontale im März 2018 in einer Richtlinie vorgestellt werden. Fabian Kutscher (ift) stellte erste Zwischenergebnisse des wichtigen Forschungsprojekts „Montage einbruchhemmender Bauelemente in hochwärmedämmendem Ziegelmauerwerk“ vor. Das wichtigste Ergebnis ist, dass auch mit normalen Befestigungsmitteln eine sichere Verankerung möglich sein wird. Interessant werden auch die geplanten Versuche sein, wie ein direkter Einbruch durch das Mauerwerk oder ein gezielter Angriff auf die Befestigungsmittel verhindert werden kann. Bis zum Abschluss des Forschungsprojekts im Juli 2018 werden praxistaugliche Regeln zur Anzahl und Ausführung der Befestigungspunkte in einer ift-Richtlinie veröffentlicht, damit die Hersteller und Montagebetriebe eine wissenschaftlich/technische Grundlage haben und sich wieder auf einem sicheren baurechtlichen Boden bewegen können. Da das Projekt zusammen mit dem Ziegelverband durchgeführt wird, werden auch die „Maurer“ entsprechend informiert und sensibilisiert.Daneben gab es natürlich noch eine Vielzahl von Vorträgen mit Lösungen für Praxisprobleme, die direkt umsetzbar sind.

Über das ift Rosenheim

Das ift Rosenheim ist eine europaweit notifizierte Forschungs-, Prüf-, Überwachungs- und Zertifizierungsstelle und international nach DIN EN ISO/IEC 17025 akkreditiert. Im Mittelpunkt steht die praxisnahe, ganzheitliche und schnelle Prüfung und Bewertung aller Eigenschaften von Fenstern, Fassaden, Türen, Toren, Glas und Baustoffen. Ziel ist die nachhaltige Verbesserung von Produktqualität, Konstruktion und Technik sowie Normungsarbeit und Forschung. Die Zertifizierung durch das ift Rosenheim sichert eine europaweite Akzeptanz. Das ift ist der Wissensvermittlung verpflichtet und genießt als neutrale Institution deshalb bei den Medien einen besonderen Status - die Publikationen dokumentieren den aktuellen Stand der Technik. (732 Zeichen inkl. Leerzeichen)